Veröffentlicht am 7. März 2010

Freiheit und Kommerz: Kann man das vereinen?

Die Bekanntgabe des neuen Designs für Lucid Lynx hat für rege Diskussionen in Foren und Blogs gesorgt. Das Thema erweiterte sich von der Diskussion über des Designs schnell zu der Frage, wie Canonical jetzt in Zukunft mit der Marke Ubuntu verfahren werde. Einige meinten, Parallelen zum Apfelkonzern zu sehen und dass Canonical die Prinzipien von Ubuntu, nämlich die Menschlichkeit gegenüber anderen, die Freiheit, die Offenheit, die Nächstenliebe, die Toleranz und der Gemeinsinn, verraten habe. Ich persönlich glaube weniger, dass die Welt so schwarzweiß ist, dass Canonical früher “gut” war und jetzt “böse” werde und man deshalb zu Debian oder einer anderen “guten” Distribution wechseln müsse.

Sicherlich sind einige wegen der größeren Freiheit zu Ubuntu gewechselt, die sie in ihrem vorherigen Betriebssystemen offenbar nicht fanden. Ich würde es mir heute auch zweimal überlegen, einen iPod touch zu kaufen. Schließlich schreibt mir Apple hier vor, welche Software ich zu installieren habe und kann selbige mit einer Kill-Switch-Funktion sogar remote löschen. Ich muss das Gerät unbedingt mit iTunes synchronsieren, das Upgraden der Firmware kostet Geld und das Downgraden ist jetzt auch nicht mehr so einfach. Und falls ich ein Programm für iPhone OS geschrieben hätte (wofür der Kauf eines Macs erforderlich gewesen wäre), so müsste ich Apple erst um Erlaubnis für die Veröffentlichung im App Store ersuchen.

Aber wenn man jetzt Apple und Canonical vergleicht, so fallen einem gewaltige Unterschiedene auf. Bei Canonical hat man – anders als bei Apple – die Wahl. Ubuntu ist Open Source. Ich kann es, so wie es ist, annehmen, inklusive der kommerziellen Bestandteile. Oder ich kann es verändern wie ich will, ich kann Ubuntu One, Ubuntu Software Center, Ubuntu One Music Store usw entfernen oder sogar Alternativprodukte entwickeln und anbieten, ohne dass ich irgendwas cracken muss oder dass ich verklagt werden kann. Und natürlich kann ich Ubuntu auf jeder Hardware benutzen. Ich kann mir sogar die Desktop-Oberfläche aussuchen und mehrere Programme gleichzeitig starten. Wow, ich habe sogar root-Rechte auf meinem eigenen System!

Dennoch kann man die Parallelen zu Apple nicht leugnen. Ansprechendes Design, schicke Hardware auf der Homepage, Cloud Computing, einen App Store, eine Musikverwaltung samt Musikstore. Einen Guru namens Mark Shuttleworth. Und man bekommt immer mehr das Gefühl, das Ubuntu als Komplettpaket gedacht ist, dass das Beste aus der Computer-Welt vereint und in perfekte Harmonie bringt. Ein Versprechen, welches auch Apple gibt. Wie wäre es also, wenn Ubuntu dieses Versprechen halten würde? Dann hätten wir, sagen wir mal, Apple in gut. Ich hätte mein Komplettpaket, wie bei Apple, nur das ich noch meine Freiheit dazu hätte. Wenn mir eine Komponente nicht gefällt dann kann ich sie austauschen.

Allerdings muss Canonical auch eine eigene Identität aufbauen. Wer in die Fußstapfen von anderen tritt, hinterlässt keine Spuren. Es gibt dutzende andere Linux-Distributionen und einen Haufen von Firmen, die versucht haben Apple zu kopieren. Und Firmen, die sowohl freie als auch proprietäre Software anboten gab es auch schon oft. Hier liegt es an Canonical, etwas innovatives, einzigartiges zu entwickeln. Das das nicht von heut auf morgen geht, ist klar. Und das Design muss auch noch entwickelt werden. Geben wir Canonical etwas Zeit und lassen die erst mal machen. Solange die Freiheit des User nicht durch irgendwelche Beschränkungen beschnitten wird und die kommerziellen Dienste optional sind, sehe ich sie auch nicht als Bedrohung an, sondern eher als willkommenes Angebot.

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